Fit für die Zukunft – Herausforderungen und Chancen in der Jungtierfütterung

Die Jungtieraufzucht zählt, neben den Futter- und den Arbeitserledigungskosten zu den größten Aufwänden in der Milchviehhaltung. Die Reduktion des Erstkalbealters spielt eine große Rolle in der Senkung der Kosten, doch diese darf sich nicht negativ auf die Milchleistung, Gesundheit und Nutzungsdauer der neuen Färse auswirken.

Ändert man nichts an der Intensität der Aufzucht und fängt einfach früher an zu besamen, passiert Folgendes:
Die Färsen haben zum Zeitpunkt der Kalbung nicht die erforderliche physiologische Reife, sind also nicht fertig. Abgesehen von möglichen Geburtsschwierigkeiten verbrauchen die Tiere während der 1. Laktation einen Anteil des Futters für Wachstum. Diese Futtermenge steht somit nicht für die Milcherzeugung zur Verfügung. Färsengruppen mit ungenügender Laktationsleitung werden auffällig.

Die Entwicklung und das Wachstum des Kalbes beginnt bereits bei der Besamung der Mutter. Die ersten neun Monate die das Kalb in der Gebärmutter im Mutterleib wächst, werden durch die Mutter und ihrer Umgebung beeinflusst. Dies ist wichtig zu begreifen, da schon vor der Geburt der Stoffwechsel des Kalbes auf seine spätere Umgebung / Umwelt programmiert wird.

Sorgt man in der sehr frühen Entwicklung im Mutterleib durch optimale Haltung und Ernährung der Mutter, sowie nach der Geburt durch eine hohe Intensität der Fütterung in den ersten Lebenswochen des Kalbes dafür, dass immer ein ausreichend hohes Nahrungsangebot zur Verfügung steht, wird es diesen Stoffwechselstatus ein Leben lang behalten. (Maccari 2012)

Belegt durch nationale und internationale Studien weiß man heute, dass den Kälbern mehr und länger Milch gegeben werden muss, um ihrem natürlichen Wachstum, ihrem natürlichen Verhalten und insbesondere der Gesunderhaltung Rechnung zu tragen. Die heute weit verbreitete intensivere Milchversorgung sorgt nicht nur für eine höhere tägliche Zunahme in den ersten sehr entscheidenden Lebenswochen, auch die für viele Stoffwechselfunktionen und Milchbildung zuständigen Organe sind deutlich besser entwickelt als bei restriktiv getränkten Kälbern. (BROWN et al. 2005; GEIGER et al. 2016)

Diese langfristigen Effekte sorgen gemeinsam mit eine höhere Futteraufnahme und weniger Krankheitstagen sorgen auch für eine höhere Milchleistung in der ersten Laktation. (GELSINGER et al. 2016)

Um diese Erkenntnisse in die Praxis umzuleiten, und damit auch noch das Erstkalbealter zu reduzieren, gilt es einiges zu beachten:

Die adäquate Versorgung mit Biestmilch stellt eine der größten Stellschrauben dar. Kein Produkt kann die Zusammensetzung der mütterlichen Biestmilch ersetzen, lediglich ergänzen. Noch nicht einmal das Kolostrum einer anderen Kuh, geschweige denn, die des Nachbarbetriebes kann die individuelle Zusammensetzung aus Nährstoffen, sowie wichtigen bioaktiven Substanzen, die genau passend für den eigenen Nachkommen geschaffen sind, ersetzen. Hier gilt immer die gleiche Regel: Sofort, frisch und so viel wie möglich.
Auch nach der Biestmilchphase stellt das Kalb besonders hohe Anforderungen an die Qualität des Futters.
Milch bzw. ein hochwertiger Milchaustauscher ist in der Jungrinderfütterung im Vergleich mit anderen Futtermitteln das teuerste, aber auch durch die sehr hohe Verdaulichkeit das pro kg
Zuwachs effzienteste Futtermittel. (BARBELLA et al. 1988)

Hohe Milchmengen mit optimaler Verdaulichkeit fördern die Nährstoffaufnahme für Wachstum und Immunsystem.

Beim Kauf und der Verfütterung von Milchaustauschern aber auch von Kraftfuttern ist es wichtig die unterschiedlich enthaltenen Komponenten zu überprüfen und einzuordnen, ob diese für die zu fütternden Kälber bedarfsgerecht sind.

Eiweiß aus Milchrohstoffen ist im Vergleich zu pflanzlichen Proteinträgern teurer, aber auch gerade in den ersten Lebenswochen viel besser nutzbar.

In diesem Zusammenhang ist das Milcheiweiß Casein zu nennen, was 80 % des Milcheiweißes ausmacht. Die restlichen 20 % bildet das Molkenprotein. Im schonend getrockneten Magermilchpulver ist dieses Eiweißverhältnis identisch zur Vollmilch, was für eine gesicherte Gerinnung im Labmagen des Kalbes sorgt. Dafür sorgt die vorherrschende Enzymausstattung „das Lab“ (Chymosin 80%, Pepsin 20%) wie ein Schlüssel-Schloss-Prinzip für die Gerinnung des Proteins und anschließende Spaltung in die Aminosäuren und dies ist die Voraussetzung für die Verfütterung von hohen Milchmengen. Gerinnt die Milch nicht, gelangt bei der Verfütterung hoher Milchmengen zu viel nicht geronnene Tränke in den Dünndarm und kann Durchfall verursachen.

Neben dem Eiweiß sind auch andere Nährstoffe wie Fett im Milchaustauscher enthalten. Da in der Molkerei das Milchfett zur Produktion von Butter, Sahne und anderen fetthaltigen Lebensmitteln verwendet wird , ergänzt man pflanzliche Fette im MAT. Diese haben aufgrund unseres Produktionsverfahrens eine sehr geringe Tröpfchengröße, was dem Kalb die Aufnahme erleichtert, ohne dass der Körper zu viel Energie für die enzymatische Spaltung zur Verkleinerung der Fettkügelchen aufwenden muss.

Preiswerte stärkehaltige Rohstoffe wie Weizenfeinmehl oder pflanzliche Proteine wie Sojaproteinkonzentrat sind für kleine Kälber aufgrund fehlender Enzymausstattung nicht zu empfehlen. (PEDERSON und SISSONS 1984)

Auch eine Aminosäureergänzung kann die fehlende Funktionalität der pflanzlichen Proteine für die enzymatische Verdauung des Kalbes nicht auffangen. Daher sollte gerade bei kleinen Kälbern nicht an der Qualität der Tränke gespart werden.

Um dem Kalb einen gelungenen Start zu ermöglichen ist es notwendig die Tränkephase zu intensivieren, das bedeutet 10-12 Liter pro Kalb und Tag in der Haupttränkephase und diese muss länger durchgehalten werden. Aber es muss auch mit der richtigen Tränkekurve dafür Sorge getragen werden, dass ein fließender Übergang vom Milchtrinker zum Wiederkäuer ohne „Wachstumsknick“ stattfindet, da dieser auch immer ein Risiko für Erkrankungen birgt.

Denn auch das Immunsystem benötigt für seine Aufgaben hohe Mengen an Eiweiß und Energie aus der Nahrung.

Eine ausreichend lange Abtränkphase ist bei der intensiven Milchtränke noch viel wichtiger als bei restriktiv gefütterten Kälbern, um sie langsam an festes Futter zu gewöhnen.

Kälber die hohe Milchmengen erhalten, müssen schon früh neben der Milch Wasser und Kraftfutter, sowie eine Strukturkomponente wie z.B. gutes Heu oder gehäckseltes Stroh erhalten. Und bei allen Rindern gilt: Umso häufiger frisches Futter in kleinen Portionen vorgelegt wird, umso höher ist auch die Attraktivität und umso mehr Futter wird aufgenommen.

Damit die Färse optimal entwickelt (85-90 % des Gewichts und der Größe der älteren Tiere im Bestand), mit ausreichendem Rahmen und nicht verfettet in die erste Laktation einsteigt, ist es entscheidend die Zunahmen im ersten Lebensjahr zu intensivieren und nach der Pubertät zu drosseln. Passiert dies nicht, kommt es zu verpassten Zunahmen während der ersten Lebenswochen zum unerwünschten Effekt des kompensatorischen Wachstums und die Tiere erreichen zwar ein gewünschtes Gewicht zur Kalbung, verfetten aber mit allen negativen Folgen wie z.B. Geburtschwierigkeiten und Fetteinlagerung in der Milchdrüse und haben daraus folgend eine verminderte Laktationsleistung.

Um zu erkennen wie sich die Tiere entwickeln, ist es unabdingbar das Wachstum zu kontrollieren, sei es mit einer Waage oder Hilfsmitteln wie einem Maßband. Auch das Tool des Body Condition Scoring (BCS) kann sehr gut für die Färsenaufzucht verwendet werden. Denn so können gezielte Maßnahmen ergriffen werden, um am Ende eine top Färse mit sehr guter Milchleistung und langer Nutzungsdauer im Bestand zu halten.

Wir im Hause NORMI produzieren Milchaustauscher und entwickeln Fütterungskonzepte, die sich an der Natur orientieren. Die natürliche Verdauung steht für uns dabei im Vordergrund.

Ziel unserer Produktentwicklung und Produktberatung sind das Ausschöpfen des natürlichen Wachstumspotentials ihrer Kälber. Dazu müssen diese gesund sein und gesund bleiben. Jede Erkrankung kostet Lebensleistung, jeder Wachstumsknick birgt das Risiko für Erkrankungen und auch jeder Verlust eines Tieres kostet Geld. Hohe Milchmengen mit optimaler Verdaulichkeit fördern die Nährstoffaufnahme für Wachstum und Immunsystem. Da wo Milchinhaltsstoffe alleine nicht ausreichen, unterstützen wir die Kälber mit ausgesuchten Pflanzenextrakten, die in ihrer Zusammensetzung auf die jeweilige Problemstellung z.B. Durchfall oder Atemwegserkrankung angepasst sind.

Literatur

BARBELLA G.; NOVAK, A.; SCHMIDT, J.; et al. (1988): Influence of changing the casein/whey protein ratio on the feeding value of calf milk replacer. Milchwissenschaft 1988; 43: 531-534

BROWN, E.G.; VANDEHAAR, M.J.; DANIELS, K.M.; LIESMAN, J.S.; CHAPIN, L.T.; FORREST, J.W.; AKERS, R.M.; PEARSON, R.E.; WEBER NIELSEN, M.S. (2005): Effect of increasing energy and protein intake on mammary development in heifer calves. J. Dairy Sci. 88:595-603.

GEIGER, A.J.; PAPPS, C. L. M.; JAMES R. E.; AKERS R. M.: Growth, intake, and health of Holstein heifer calves fed an enhanced preweaning diet with or without postweaning exogenous estrogen. J. Dairy Sci. 99:3995-4004.

GELSNGER, S.L.; HEINRICHS, A.J.; JONES, C.M. (2016): A meta-analysis of the effects of preweaned calf nutrition and growth on first-lactation performance. J. Dairy Sci. 99:6206-6214.

MACKARI, P. (2012): Effekte unterschiedlicher Aufzuchtkonzepte auf Gewichtsentwicklung, Gesundheitsstatus und metabolische Vorgänge von Holstein-Kälbern. Download vom 13.07.2020 https://elib.tiho-hannover.de/servlets/MCRFileNodeServlet/etd_derivate_0000876/maccari_ws12.pdf.

PEDERSON H.E.; SISSONS, J.W. (1984): Effect of antigenic soyabean protein on the physiology and morphology of the gut in the preruminant calf. IV International Symposium on Ruminant Physiology: Control of Digestion and Metabolism in Ruminants, Sept. 10-14, 1984, Banff, Alberta, Canada.

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